10: Zufriedenheit

Über die Zehn Gebote zu schreiben war eine Herausforderung für mich. Es schreibt sich nicht so locker und flockig über Dinge wie Lüge, Mord und Ehebruch. Dass du trotzdem immer noch dabei bist und wacker meine Blogeinträge liest, offenbart eine deiner Qualitäten als Leser: „Du bist hart im Nehmen!“

Doch nun kommt mit dem zehnten und letzten Gebot der K.O.-Schlag. Ob du den wegstecken wirst?

Hier zuerst mal der Wortlaut des 10 Gebots: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“

Bei den ersten neun Geboten hatte ich einen grundlegenden Optimismus. Ich dachte: „Doch das schaffst du schon!“ Mit dem ist hier fertig. Dieses Gebot lässt sich nicht halten. Es ist eine Anweisung die uns Menschen überfordert. Spätestens hier ist klar: Die zehn Gebote lassen sich nicht erfüllen. Von niemandem.

Die offene Tür

Wir stehen in einem Raum. Da sind vier Wände und eine Tür. Oft verstehe ich die zehn Gebote als eine Wand. Eine Begrenzung, die mir den Weg versperrt. So zum Beispiel hier mit dem Gebot „Du sollst nicht begehren…“. Die Wand ist das Gefühl, dass ich zu kurz komme. Dass ist nicht das habe, was mir eigentlich zusteht. Dass meine Wünsche ignoriert werden. Ich pralle von diesen Wänden ab und bleibe enttäuscht in der Mitte des Raumes liegen.

Ich glaube, dass diese Sicht grundlegend falsch ist. Das Gebot ist nicht die Wand, sondern die Tür. Eine offene Tür die zu einem weiteren Raum führt. Der weitere Raum ist grösser, schöner und heller als der jetztige. Er heisst: Zufriedenheit.

Habgierig oder zufrieden?

„Ich will mehr!“ so klingt die bestimmende Lebensmelodie eines habgierigen Menschen. „Ich bin beschenkt!“ hingegen tönt es beim zufriedenen Menschen. Zu welcher Sorte du gehörst, kannst du leicht herausfinden. Stell dir vor, deine Arbeitskollegin erhält einen schönen Bonus für ein gelungenes Geschäft. Was geht in deinem Kopf vor? Wenn du dich mit ihr zusammen freuen kannst und ihr auf die Schulter klopfst, dann gehörst du zu den zufriedenen Menschen. Wenn du dich hingegen darüber ärgerst und dich nervst, dass du leer ausgegangen bist, dann gehörst wohl zur anderen Gruppe. Dieser Test funktioniert auch andersherum. Nehmen wir an, dein Arbeitskollege fällt wegen einer schweren Krankheit mehrere Monate aus. Was denkst du? Freust du dich heimlich, weil du jetzt die Chance hast seine Umsätze zu übernehmen, oder hast du echtes Mitleid und versuchst seine Interessen auch während der Abwesenheit zu vertreten.

Danke für meine Nachbarn!

„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“ So stehts im zehnten Gebot. Da bin ich ja froh um meine Nachbarn. Auf die über 70-jährigen Mehrfamilienhäuser links und rechts von unserem Zuhause bin ich nicht wirklich eifersüchtig.

Anders wäre es, wenn ich den hier, oder den hier, oder den hier

Danke!

Was sind die Ereignisse in deinem Leben für die du von Herzen „Danke!“ sagen kannst?

Rückblickend ist es klar. Das sind gute Momente mit lieben Freunden. Abenteuerliche Fahrten mit ratternden Schrottautos. Übernachtungen unter freiem Himmel. Auf einem Felsen sitzend Fish&Chips knabbern. Und im Regen nach Hause laufen.

Wenn ich in die Zukunft schaue, dann ist das weniger klar. Ich erhoffe mir gute Momente auf dem Rasensitzplatz des eigenen Einfamilienhauses. Schöne Fahrten mit einem Auto, das GPS eingebaut hat. Eine Reise mit dem Flugzeug an einen berühmten Strand. Und endlich mal so ein Mobiltelefon mit dem auch Kaffee kochen kann.

So betrachtet arbeitet mein Hirn nicht rational. Meine Erfahrung zeigt, dass Glück nicht vom Besitz abhängt. Wenn ich aber an das Glück in der Zukunft denke, drängen sich Gedanken von Besitz und Wohlstand auf. „Ich elender Mensch!“ würde Paulus hierzu sagen (vgl. Römerbrief 7.24).

Was ist Zufriedenheit?

Zufriedenheit heisst nicht Passivität. Wir sind Menschen und keine Faultiere. Beim Faultier ist die Abwesenheit von Antriebskraft Teil der Überlebensstrategie. Für Menschen ist das keine Option. Vor dem Fernseher dahinzudämmern macht nicht zufrieden, sondern krank.

Zufriedenheit ist die Erkenntnis, dass meine tiefste Sehnsucht schon gestillt ist. Dass mein Herz zur Ruhe kommt, weil es weiss, dass es gehalten ist. Zufriedenheit ist das Hinwerfen meiner Sorgen und Wünsche. Hin auf den, der von sich sagt: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Frieden geben.“ (Matthäus 11.28)

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