Gott im Dreck

Mirjam Kyburz ist heute 26 Jahre alt. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof in Rutschwil im Kanton Zürich. Als 12-jähriges Mädchen verbrachte sie Ihre Freizeit häufig im Pferdestall. Sie liebte ihre eigenen zwei Pferde und besuchte regelmässig Reitkurse. Später gab sie Reitunterricht für andere. Ein Grossteil ihres Lebens drehte sich um den Reitsport. Im Sommer 2007 Entschied sich Mirjam für eine radikale Wende in ihrem Leben. Sie hatte genug davon, verwöhnten Mädchen Reitstunden zu geben. Viel lieber wollte sie randständigen Menschen helfen. Dazu zog sie vom Lande mitten in die Stadt Zürich. Sie heuerte bei „Operation Mobilisation“ für ein ganzes Jahr als Mitarbeiterin in der Gassenarbeit an. Da arbeitet sie jetzt einen Tag in der Woche in der Anlaufstelle „Chrischtehüsli“. An den anderen Tagen begleitet sie Süchtige zu verschiedenen Ämtern sowie Entzugs- und Therapieangeboten. Sie macht Deutschkurse für Fremdsprachige, betreut Kinder von Alleinerziehenden und Abends schliesst sie sich den Teams der Heilsarmee an, die Frauen in der Prostitution besuchen. Letzte Woche habe ich mit Mirjam ausführlich über ihre Arbeit gesprochen. Sie erzählte mir ein Erlebnis, das eine echte Weihnachtsgeschichte ist. Während der Gassenarbeit wurde Mirjam von einer 40-jährigen drogenabhängigen Frau zu sich nach Hause eingeladen. Die Frau wohnte in einer BEWO (betreutes Wohnen). Nebst einer gemeinsamen Küche haben randständige Menschen dort ein Zimmer mit Lavabo, Bett, Schrank und Stuhl zur Verfügung. Im Zimmer der Frau angekommen hatte Mirjam zuerst mit starken Ekelgefühlen zu kämpfen. Der Boden war vor Schmutz so matschig wie eine nasse Wiese. Überall verstreut lagen gebrauchte Spritzen und das Lavabo war rot verschmiert. Mirjam hoffte, dass das nur Tomatensauce war. Diese Frau in ihrem Elend zu sehen berührte das Herz von Mirjam und sie bekam Mitleid. Sie erinnerte sich an das Bibelwort in dem Jesus sagt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Math. 25.40) Plötzlich veränderte sich ihre Sichtweise. Sie schaute nicht mehr auf den Dreck, sondern sie hatte das Gefühl in dieser Frau Jesus zu sehen. Obwohl sie sich innerlich dagegen sträubte sagte sie zu der Frau: „Soll ich dir beim Putzen helfen?“ Und die beiden begannen das Zimmer aufzuräumen und das verschmierte Lavabo zu reinigen. Was mich an der Haltung von Mirjam besonders erstaunte ist, dass sie sich anschliessend von der Frau beschenkt fühlte. Sie sagte: „Eigentlich wollte ich der Frau helfen, aber ich habe gemerkt, dass diese Frau mir selbst geholfen hat. Sie nicht als Minderwertig zu betrachten und ihre Not zu teilen, war für mich eine so starke Erfahrung – selten hat mich etwas derart berührt.“ Sich nicht über die Notleidenden zu stellen, sondern mittendrin ihre Schweirigkeiten zu teilen, das erinnert mich ganz deutlich an das Geschehen von Bethlehem. Gottes Sohn wird in einem dreckigen Stall geboren. Besser kann man Mitgefühl nicht veranschaulichen.

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