Krimi

Das 9er Tram fährt vom Kursaal über die Kornhausbrücke zum Kindlifresserbrunnen. Es ist spät am Abend und nur wenige Leute sind unterwegs. Ganz vorne ein Spieler, der beim Roulette im Casino des Kursaals verloren hat und nun nicht einmal mehr genug Geld hat um seinen Frust zu ersäufen. In der Mitte des Wagens ein paar junge Mädchen, die aussehen als möchten sie noch irgendwo zu lauter Musik Dinge tun, die sich eigentlich für junge Mädchen nicht gehören. Zuhinterst eine Frau. Die Kleider hängen ihr eigenartig am Leib, als hätte sie sich in grösster Eile angezogen. Sie selbst sitzt ganz ruhig da. Ihr Blick ist gesenkt, als müsste sie sich für etwas schämen. „Nächster Halt Stadttheater“, tönt es durch die Lautsprecher. Der Chauffeur bremst, die Türen öffnen sich. Theaterbesucher drängen in das Tram. Menschen in schönen Kleidern, gut gelaunt nach einem gelungenen Theaterabend. Im Tram wirds eng. Frau Weyermann ist die Frau eines Nationalrats und war früher sicher sehr hübsch. Heute hatte sie ein Cüpli zu viel und setzt sich neben die einsame Frau mit den eigenartigen Kleidern. Als sich die beiden berühren, schreit bis dahin ruhige Frau auf. Sie packt Frau Weyermanns Arm und beisst mit voller Wucht hinein. Es fliesst Blut. Frau Weyermann rettet sich an die Brust ihres Mannes und verschmiert sein weisses Hemd. Die andere Frau macht Lärm. Sie schlägt auf die Glasscheibe des Trams ein, kreischt und zeigt ihre blutverschmierten Zähne. Die Menschen weichen zurück und geben den Weg zur Türe frei. In dem Moment rennt die Frau aus den Tram ins Freie und verschwindet in der Nacht.

Kommissar Leuenberger arbeitet heute nicht. Er liegt auf seinem Tuch im Marzilibad. Was von aussen so friedlich aussieht, ist innen unruhig. Dass seine Ehe nicht immer super sein würde, wusste er schon im voraus. Schliesslich hat er den Teil mit dem „in guten wie in bösen Tagen“ im Eheversprechen schon verstanden. Aber dass es soweit kommen konnte, ist für ihn eine riesen Enttäuschung. Was sie heute leben ist soweit entfernt von dem, was er sich von einem gemeinsamen Leben erträumt hat. Dabei ist Maria seine Traumfrau, sonst hätte er sie ja nicht geheiratet. Bei ihr stimmte einfach alles. Sie passte vollkommen in sein Bild von einer Frau. Dieses Bild hängt heute schief. Wenn sie sich nur ein bisschen verändern könnte. – Und dann ist da noch dieses Gepräch mit dem Pfarrer, das er diese woche hatte. Darüber, dass es nicht darum geht, den Partner zu verändern, sondern selbst verändert zu werden. Eigentlich fand er den Gedanken ja interessant, aber von diesem Therapeuten-Tonfall des Pfarrers bekommt er Pickel. Schliesslich ist er Polizist und kein Sandalenträger.

Roman Schürch ist Polizist. Er sitzt in seinem Streifenwagen und blättert in der Gratiszeitung. Der Artikel unter dem Titel „Bissattake im Tram“ interessiert ihn, wurde doch vor kurzem ein Arbeitskollege von ihm von einem Pudel gebissen. Als er sich überlegt, ob er nun lieber von einem Pudel oder von einer Frau gebissen würde, rauscht es im Funkgerät. Sein Chef schickt ihn an eine Adresse im Altenberg. Eine ältere Dame beklagt sich darüber, dass ihre Glycinien blutverschmiert seien. Roman Schürch hasst solche Aufträge. Alte Damen zu beruhigen ist keine seiner Lieblingsaufgaben. Und Glycinien kennt er auch nicht. Widerwillig drückt er die Klingel und Frau Aegerter öffnet ihm die Tür. Sie putzt ihre Hände mit einem Tuch und fragt als erstes, ob er denn eine Anti-Aids Spritze dabei habe, schliesslich wisse man ja nicht, von wem das Blut auf ihren Glycinien komme. Schürch schüttelt den Kopf, lässt sich aber bereitwillig auf den Balkon führen. Dort zeigt Frau Aegerter auf einige Blüten einer Schlingpflanze, die ihre Wurzeln im Erdgeschoss hat und alle Balkone bis in den dritten Stock überwuchert. Das sind also Glycinien und tatsächlich, die Pflanzen sind mit einer roten Flüssigkeit verschmiert. Als er seinen Kopf über einige der Blüten neigt, spürt er, wie ihm ein Tropfen in den Nacken fällt. Schnell wischt er sich mit der Hand über den Nacken und merkt sofort: Es ist Blut. Es muss vom Balkon über der Wohnung von Frau Aegerter stammen. Er bittet Frau Äegerter auf der Polstergruppe Platz zu nehmen und geht in den oberen Stock. Er klingelt, klopft und ruft – keine Reaktion. In einem Fernsehkrimi hätte er die Türe mit einem Fusstritt eingeschlagen, aber wir sind hier ja nicht in einem Krimi, sondern im richtigen Leben. Und im richtigen Leben kann man Türen meistens nicht einfach einschlagen. Also wählt Schürch den Weg über den Balkon. Die Glycinie ist stark genug und klettern musste er ja schon an der Eintrittsprüfung zur Polizeischule. Was er oben antrifft, gehört zu den Bildern, die Polizisten Nachts nicht schlafen lassen. Ein blutverschmierter toter Mann. Über Funk ruft er die Spurensicherung und steigt wieder zu Frau Äegerter hinunter. „Kennen Sie den Mann, der über ihnen wohnt?“ fragt er sie. „Ja, es ist Claude Wyss, Professor für Veterinärmedizin an der Universität“, antwortet sie ihm.

Lisa und Martin sind schwer verliebt. Sie spazieren Hand in Hand der Aare entlang. Die untergehende Sonne färbt den Himmel rosarot und eine grün angemalte Bank des Tourismusvereins lädt zum Kuscheln ein. Küssen ist schön und wenn als musikalische Untermalung friedlich die Aare plätschert ist das romantische Glück perfekt. Plötzlich hört Lisa ein Zischen, dann einen Knall und Martins Kopf rutscht von ihren Lippen weg, über ihr Decolleté, streift kurz die linke Brust und landet auf ihrem Schoss. „Wow, der geht aber zur Sache!“ denkt sie und wartet darauf, wie es jetzt weiter geht. Doch Martin bewegt sich gar nicht mehr. Lisa realisiert, dass ihr Liebster von irgendeinem Wurfgegenstand getroffen wurde und nun bewusstlos in ihren Armen liegt. Sie schaut sich um. Wer war das? Weit und Breit ist niemand zu sehen. In dem Moment hört sie ein Knurren. Der Klang kommt von oben, als wäre da ein wütender Hund direkt im Baum über ihrem Kopf. Ängstlich hebt sie ihren Blick und schaut direkt in die Augen einer Frau, die dort auf einem Ast sitzt. Der Blick ist böse und das Knurren wird zum Fauchen, als sie merkt, dass sie entdeckt wurde. Mit einem Satz hüpft die Frau vom Baum, fuchtelt wild mit ihren Armen, stösst einen Schrei aus und rennt dann davon in das hinter ihr liegende Dickicht.

Vorsichtig taucht Dana Jovic einen Tupfer in die Reinigungslösung und
entfernt damit die eingedickten Blutschichten. Sie ist Gerichtsmedizinerin und Heute ist der Leichnam von Claude Wyss zur Untersuchung eingetroffen. An Hals und Gesicht weist der Tote eigenartige Verletzungen auf. Wahrscheinlich Bisswunden. Dana Jovic erinnert sich an den Hundzüchter, der von dem eigenen Rudel Rottweiler zu Tode gebissen wurde. Diese Verletzungen hier sehen ganz ähnlich aus. Mehrmals taucht sie einen besonderen Flies in die Wunden. Wenn die Verletzungen von einem Tier stammen, muss dort Speichel zu finden sein. Sie sendet die Proben ins Labor. Dort werden sie den genetischen Code entschlüsseln und einem bestimmten Tier zuordnen können. Weiter zählt sie die Anzahl der Bisse. So um die zwölf Mal muss das Tier zugebissen haben. Am schlimmsten ist der Hals betroffen. Diese Verletzungen dort führten dann auch zum Tod – ein Biss eröffnete die Halsschlagader. Mit der weiteren Reinigug des Körpers entdeckt Jovic zusätzlich Bisswunden an Unterarmen und Unterschenkeln. Diese sind aber nicht mehr frisch. Einige sind so gut vernarbt, dass sie sicher älter als sechs Monate sein müssen. Möglicherweise, wurde das Opfer also schon mehrmals vom gleichen Tier gebissen, bevor es zu der tödlichen Attacke kam.

Urs Leuenberger betritt die Wohnung von Claude Wyss. In seiner Hand hält er den Bericht der Spurensicherung. Leuenberger ist alleine. Den Luxus, von einem Assistenten begleitet zu werden, können sich nur die Krimikommissare in billigen Fernsehserien leisten. Und überhaupt ist
bei Leuenberger nichts wie im Fernsehen. Er trägt keinen Schlapp-Mantel, hat keine Tränensäcke, keine Lupe und der „Ich-weiss-genau-dass-sie-lügen-Blick“ hat er auch nicht drauf. Leuenberger ist
normal, Berner, Vater von drei Kindern und arbeitet für die Polizei, wie andere Leute für die Bank oder den Supermarkt. In der Wohnung von Claude Wyss fühlt er sich spontan wohl. Es wirkt alles so familienfreundlich. Die Böden sind mit einem pflegeleichten Novilon verlegt. Die Möbel haben keine scharfen Kanten. Und alles was aufgestellt ist, sieht so aus, als wäre es schon mindestens einmal umgefallen. Im Spielzimmer liegen Bälle und der Kühlschrank ist mit einem Schloss abgeschlossen. Leuenberger setzt sich auf die Polstergruppe im Wohnzimmer. In diesem Raum müssen Claude Wyss die Bissverletzungen zugefügt worden sein. Laut dem Bericht der
Spurensicherung wurde eine grössere Menge Blut auf dem Wohnzimmerteppich gefunden. Dann kleinere Mengen auf dem Weg zum Balkon. Mittlerweile wurde das Blut weggeputzt. Aber anhand der Fotos Ist für Leuenberger klar, dass Claude Wyss hier im Wohnzimmer verletzt wurde und schliesslich auf dem Balkon starb. Hat er aus eigener Kraft den Weg zum Balkon gewählt um sich vor dem Tier in Sicherheit zu bringen? Wollte er um Hilfe rufen?

Auf dem Salontisch aus Ahorn-Holz breitet Kommissar Leuenberger die verschiedenen Seiten des Berichts der Spurensicherung aus. Aus diesen Einzelheiten muss doch zu erklären sein, wie Claude Wyss gestorben ist. Beim Auffinden des Toten war die Türe zur Wohnung ordentlich verschlossen. Niemand sonst befand sich in der Wohnung, auch kein Hund. Das Tier, das Wyss die tödlichen Bissverletzungen  zufügte, muss demnach von einer Person weggebracht worden sein, die einen Schlüssel zur Wohnung besitzt.  Da der Leichnam auch ältere, schon vernarbte Bissverletzungen desselben Tieres aufweist, ist für Leuenberger klar, dass Wyss den Hund gekannt haben muss. War es sein eigener Hund, dann muss jemand anderes ihn nach den Bissen aus der Wohnung geholt haben. Gehörte der Hund einer anderen Person, muss diese schon früher bei Wyss zu Besuch gewesen sein, und den Hund auch nach den ersten Bissattacken wieder mitgebracht haben. Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, klingelt der Kommissar bei Frau Aegerter aus dem unteren Stock. Diese lässt es sich nicht nehmen, ihn zu einem Kaffee mit trockenen Biscuits einzuladen, schliesslich kriegt man nicht alle Tage Besuch von einem richtigen Kriminalkommissar. Auf die Frage, ob ihr in letzter Zeit ein Besuch mit Hund bei Herrn Wyss aufgefallen ist, beginnt Frau Aegerter zu erzählen: „Ich kann mich nicht daran erinnern überhaupt jemals einen Besucher bei Herrn Wyss beobachtet zu haben. Wissen sie, er lebte sehr zurückgezogen und seit dem Tod seiner Mutter muss er sehr einsam gewesen sein. Er war ein menschenscheuer Junggeselle, der nur für seine Arbeit lebte und kaum Kontakte hatte.“

Ernst Haldimann liebt seinen Schrebergarten. Jetzt, im Frühsommer, kann er es kaum erwarten, nach Feierabend auf sein Fahrrad zu sitzen um nachzusehen, wie es seinen Salaten und Selleries geht. Doch schon von weitem bemerkt er, dass mit seinen Beeten etwas nicht stimmt. Statt Karotten in Reih und Glied, umgegrabene Erde und wild verstreute Salatköpfe. Es sieht aus als hätten Wildschweine sein sorgsam gepflegtes Paradies nach Nahrung durchwühlt. Sogar der Gartenzwerg steckt kopfüber im Dreck. Die Tür zum Werkzeugschuppen steht offen. Als Ernst näher tritt, hört er ein Schnarchen. Schläft da ein Wildschwein, oder hat sich ein Chlochard seinen Schuppen als Übernachtungsmöglichkeit ausgesucht? Vorsichtig streckt er seinen Kopf in das Dunkel und als sich seine Augen an das düstere Licht gewöhnen, entdeckt er zwei Füsse, die zu einem Menschen gehören, der sich unter einer Abdeckplane eingekuschelt hat. „So jetzt aber sofort raus hier, du Lump!“ Schreit er laut und packt einen der Füsse um ihn heftig zu schütteln. Die Füsse zucken zurück unter die Plane und die Person beginnt sich noch stärker einzuwickeln, als wollte sie sich verstecken. Mit einem Ruck reisst Ernst die Plane weg und was er entdeckt, ist eine Frau in schmutzigen Kleidern. Sie blickt ihn ängstlich an und sagt kein Wort. Ernst empfindet Mitleid mit ihr und versucht sie mit einem sanften Streicheln über ihren Kopf zu beruhigen. Bei seinen Kindern hat das immer gewirkt. Hier nicht. In dem Moment, als er sie berührt, zuckt sie blitzartig zusammen und rennt davon. In seiner Hand behält Ernst ihre Haare. Es ist eine Perücke.

Kommissar Leuenberger betritt das Institut für Tiermedizin der Universität Bern. Das also war Wyss‘ Arbeitsort. Er hat einen Termin bei Bruno Blum, dem leitenden Veterinär des Instituts. Leuenberger will mehr über Claude Wyss erfahren und stellt gezielte Fragen. „Hatte Claude Wyss mit Hunden gearbeitet?“ „Nein, nicht dass ich wüsste“, antwortet Dr. Blum und fährt fort: „Er war an verschiedenen Projekten mit Mäusen beteiligt. Wissen sie, für ein so kleines Institut wie das unsere, brauchen die grossen Tiere einfach zuviel Platz und sind teuer im Unterhalt. Das bedeutet aber nicht dass wir deswegen nicht auch grosse Erfolge feiern können. Gerade die Forschungen von Claude Wyss im Bereich Genetik waren bahnbrechend. Für seine nackte Maus wurde er sogar für den Nobelpreis vorgeschlagen. Viele Zeitschriften berichteten damals darüber.“ Leuenberger runzelt die Stirn: „Wahrscheinlich auch der Playboy?“ Blum schmunzelt und fährt fort: „Wyss hatte in ihrem genetischen Code den Abschnitt der für die Bildung von Haaren verantwortlich ist entdeckt. Dann hat er befruchteten Mäuseeizellen einfach diesen Abschnitt des Codes herausgeschnitten und geboren wurde eine komplett nackte Maus, ohne nur ein einziges Haar. Wyss arbeitete so präzise, dass diese nackten Mäuse sonst kaum Schäden davontrugen und auch keine kürzere Lebenserwartung hatten als normale Mäuse.“

„Es war kein Rottweiler“, sagt Dana Jovic und betritt mit dem Laborbericht über den Speichel aus Claude Wyss‘ Wunden das Büro von Kommissar Leuenberger. Normalerweise sendet sie solche Berichte mit der hausinternen Post in einem gewöhnlichen Couvert aus Umweltschutzpapier. Die Ergebnisse dieses Testes aber haben sie so überrascht, dass sie persönlich mit Leuenberger sprechen will. „Sehen Sie Kommissar“, sie streckt ihm ein Papier mit einer Reihe von Strichen, Zahlen und Nummern unter die Nase: „Das ist der genetische Code eines Rottweilers, hier eines Schäferhundes und darunter des Tieres, dessen Speichel ich in den Wunden von Claude Wyss gefunden habe. Es ist ein Bonobo!“ „Mmmhh,…interessant“, murmelt Leuenberger und fragt: „Sind das grosse Hunde, diese Bonobos?“ Sorry, kein Hund. Bonobos sind Affen. Es sind die Menschenaffen, mit der grössten genetischen Ähnlickeit zu uns, dem Homo Sapiens. Vom Aussehen her so etwas zwischen Gorilla und Schimpanse,“ antwortet die Gerichtsmedizinerin. „Sie meinen, Wyss wurde von einem Affen totgebissen?“ „Das meine ich nicht nur, das Ergebnis dieses Testes ist eindeutig: Es war ein Bonobo.“

„Ein Affe also“, in Kommissar Leuenbergers Kopf beginnen die Details aus dem Fall Claude Wyss durcheinander zu purzeln. Das Puzzle muss ganz neu zusammengefügt werden. Wyss hat schon längere Zeit mit einem Affen zusammen gewohnt. Darum die leicht zu reinigenden Bodenbeläge in seiner Wohnung. Darum die Bälle im Spielzimmer und das Schloss am Kühlschrank. Wahrscheinlich wurde das Tier in der letzten Zeit immer aggressiver. Die vernarbten Bisswunden an Wyss‘ Körper zeugen davon. Bis es dann zur tödlichen Attacke im Wohnzimmer kam. Nach der Tat muss das Tier über den Balkon abgehauen sein. In den Augen eines Affen ist die Glycinie dasselbe wie für uns eine Rolltreppe: Ein bequemer Weg. Wyss versuchte das Tier aufzuhalten, torkelte verletzt hinterher, und brach auf dem Balkon so zusammen, wie ihn Polizist Schürch aufgefunden hat. Wenn Leuenbergers Überlegungen stimmen, muss irgendwo in der Stadt ein Affe frei herumlaufen. Er nimmt das Telefon in die Hand und wählt die Nummer des Tierparks Dählhölzli: „Guten Tag, können sie mir sagen, wie man einen Affen einfängt?“

Chang Ling beherrscht mehrere asiatische Kampfsoprtarten. Normalerweise trainiert er sie nur. Jetzt aber sitzt er auf dem Rücken einer Frau, die er mit einem präzisen Joko-Geri bewusstlos geschlagen hat. „Schatz, ruf die Polizei!“ schreit er seiner Frau entgegen, die mit grossen Augen auf ihn zugerannt kommt. Soeben waren sie mit ihren zwei Kindern gemütlich am Aareufer im Eichholz am Grillen. Mutter Ling schmiss mit den zwei Kleinen flache Steine in die Aare und versuchte sie zum hüpfen auf der Wasseroberfläche zu bringen. Vater Ling kümmerte sich um den Grill. Die saftigen Côtelettes auf Alufolie ausgebreitet, wollte er nur schnell im Auto die Zündhölzer holen. In dem Moment, wo er sich entfernte, kam diese glatzköpfige Frau aus dem Gebüsch gehüpft und schnappte sich ein Stück Fleisch und die ganze Gurke. Ling schrie, fluchte, rannte und holte schliesslich zum entscheidenden Joko-Geri aus. Nun sitzt er auf ihrem Rücken, ein Knie in den Nacken gedrückt und die Hände auf dem Rücken zusammengehalten. Genauso wie das Polizisten in Actionfilmen machen. Als die Polizei eintrifft, reicht es gerade noch ihr Handschellen anzulegen, bevor sie ihr Bewusstsein wieder erlangt. Sie beginnt zu kreischen und zappelt wie wild. Die Polizisten brauchen die Unterstützung des durchtrainierten Herrn Ling, um die Frau zum Einsteigen ins Polizeiauto zu bewegen. Sobald sich die Türe schliesst, beruhigt sich die Frau und starrt gedankenverloren durchs Fenster auf den Fluss, der ruhig weiterfliesst. „Die nehmen wir nicht auf den Posten“, entscheidet sich ein Polizist und fährt in Richtung der psychiatrischen Universitätsklinik Waldau davon.

Doktor Nobs öffnet die Türe zum Behandlungszimmer. Dort sind zwei Betreuer damit beschätigt, die von der Polizei herbeigebrachte Frau mit Gurten festzuzurren. Sie schreit wie wild und entwickelt eine unbändige Kraft. Nobs kennt solche Situationen und setzt der Frau eine Injektion mit einem Beruhigungsmittel. Nach kurzer Zeit beginnt die Substanz zu wirken, ihr Körper entspannt sich und sie taucht in einen Dämmerzustand ab. Als erstes fallen Nobs die dreckigen Kleider der Frau auf, sie stinken jämmerlich. „Die müssen sowieso weg“, denkt er und schneidet sie mit einer Schere auf, schmeisst sie in den Kehricht und fordert die Betreuer auf die Frau zu waschen. Sie bedecken sie anschliessend mit einem weissen Tuch und Doktor Nobs beginnt mit der Untersuchung. Als erstes fällt ihm auf, dass sie keine Haare hat. Nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper. Nicht einmal Augenbrauen und Wimpern besitzt sie. Es muss sich um einen genetischen Defekt handeln, anders lässt sich das nicht erklären. Hinter dem Ohr und am Hals entdeckt er kleine Narben. So unauffällige, wie sie von Schönheitsoperationen stammen, Nobs kennt das von seiner Frau. Aussergewöhnlich ist, dass es hier besonders viele sind. Da wurden Kinn, Nase und die Stirnpartie behandelt. „Eigenartig“, denkt sich Nobs, wirklich hübsch hat sie das nicht gemacht. Wie muss die Frau vorher ausgesehen haben?“ Nicht überrascht ist er von den beiden Silikonimplantaten in der Brust, dafür aber von den langen Narben an Hüfte und Oberschenkeln. Wahrscheinlich war da mal ein schlimmer Unfall, bei dem sie sich in Gesicht, Becken und Beinen erheblich verletzt hat. Um das abzuklären schiebt er sie ins Nebenzimmer unter den Röntgenapparat. Auf den fertig entwickelten Bildern sieht er zwei künstliche Hüftgelenke, mehrere Schrauben und Platten und im Oberschenkelknochen so ein Gerät, das zur Beinverlängerung gebraucht wird.

Kommissar Leuenberger betritt den Eingangsbereich der Psychiatrischen Universitätsklinik Waldau. Bald findet er das Büro von Doktor Nobs. In seiner Hand hält er die Analyse des genetischen Fingerabdruckes des Bonobos der Claude Wyss totgebissen hat. „Guten Tag Herr Leuenberger, bitte nehmen sie Platz“, sagt Nobs zur Begrüssung und nimmt von seinem Bürotisch ein genau gleiches Papier in die Hand, wie es Leuenberger hat. Die beiden Männer legen die Analysen nebeneinander um sie zu vergleichen. Nobs von der unbekannten Frau ohne Haare und Leuenberger vom bissigen Bonobo. Beide schweigen. Leuenberger, weil er den Code gar nicht lesen kann und Nobs, weil er realisiert, mit was er es zu tun hat. „Es ist dasselbe Individuum“, sagt der Fachmann und Leuenberger antwortet: „Ein Affe, oder was?“ „Sehen sie selbst“, sagt Nobs und führt Leuenberger aus seinem Büro in ein Zimmer, in dem eine Frau in weissem Nachthemd friedlich im Bett schläft.

„Lassen sie sich von der äusseren Erscheinung nicht täuschen“, flüstert Nobs Leuenberger zu: „Es ist ein Affe.“ Leuenberger schaut dem Tier in das Gesicht: „Aber dass kann doch nicht möglich sein! Klar ein besonders hübsches Gesicht hat sie nicht, aber es trägt doch unverkennbar menschliche Züge?“ Nobs erklärt weiter: „Das ist alles plastische Chirurgie. Die Stirnpartie wurde hervorgehoben. Der Knochen über den Augen abgetragen, die Nase total verändert und die Arbeiten im Mund und Kieferbereich würden einen Zahnarzt eine Woche lang beschäftigen. An diesem Körper wurde die ganze Kunst der modernen Medizin angewandt, um ihm ein menschliches Aussehen zu verleihen. Und das erst noch mit gutem Erfolg. Nach unseren Beobachtungen sind alle Körperfunktionen intakt und es macht ganz den Eindruck, dass das Tier beschwerdefrei leben kann.“ „Sie meinen, dass Claude Wyss so lange an einem Affen herumoperiert hat, bis er wie ein Mensch aussah?“ fragt Leuenberger. Darauf Nobs: „Das stimmt. Und es ist ihm sehr gut gelungen. Wenn sie diesem Tier ein Abendkleid anziehen, können sie es in die Oper mitnehmen und niemand merkt den Unterschied.“

Kommissar Leuenberger steigt in sein Auto und fährt nach Hause. Juristisch ist der Fall klar: Tiere, die Menschen tödlich verletzen, werden eingeschläfert. Persönlich gibt ihm der Tod von Claude Wyss zu denken. Ihm kommt Adam in den Sinn. Die biblische Gestalt, die sich auf der Suche nach einem passenden Gegenüber im Tierreich umgesehen hat, aber nicht fündig wurde. Wyss hat den anderen Weg gewählt. Nachdem er unter den Menschen keine Partnerin fand, suchte er ein Tier. Leuenberger überlegt, wie er sich als Wyss gefühlt hätte. Was würde er tun, wenn er die Gelegenheit hätte, seine Ideal-Partnerin zu erschaffen. Was für ein Geschöpf würde entstehen, wenn er eine Frau nach seinen Vorstellungen zusammenbasteln könnte. Wie glücklich wäre eine solche Lebensgemeinschaft? Mit diesen Gedanken im Kopf parkt er seinen Wagen und öffnet die Tür zu seinem Haus: „Hallo, Schatz! Wo bist du?“

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Als Nachlese zum Sommerlochkrimi hier noch eine Liedzeile aus dem Lied Hemmige von Mani Matter:

Was unterscheidet d’Mönsche vom Schimpans
s’isch nid die glatti Hut, dr fählend Schwanz
nid dass mir schlächter d’Böim ufchöme, nei
dass mir Hemmige hei

Und für Interessierte:

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