Liebestipp aus der Bibel 3: Genussfähigkeit

Es fällt auf, wie viele Pflanzen und Düfte im Hohelied der Bibel erwähnt werden: Granatapfel, Henna, Balsamkräuter, Lilien, Myrrhe, Narde, Apfel, Safran, Kalmus, Zimt, Weihrauch, Zeder, Aloe, sowie die beiden Naturprodukte Honig und Milch. Dann die verschiedenen Natur-Szenerien: Gärten, Weinberge, Wiesen, Wüste, Berge, Täler, Städte, Gewässer, Wälder, Jahreszeiten, Regen, Sonne, Tag und Nacht. Mitten in dieser Fülle von Naturschönheit und Schöpfungsvielfalt entfaltet sich die Liebesgeschichte der beiden Verliebten im Hohenlied.

Düfte, Geschmäcker und Ambiente: Das Hoheliled überfliesst in unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen. Diese Schönheit auch wahrzunehmen und sich daran freuen zu können ist eine Frage der Genussfähigkeit. Tanja Grandits, Spitzenköchin mit 18 Gault Milllau Punkten, sagte in einem Interview, dass nach ihrer Wahrnehmung die Leute das Geniessen verlernen. Dabei wäre es ohne grossen Aufwand zu praktizieren und würde so viele positive Resultate zeigen.

Wenn man geniesst, kommt man zur Ruhe und fühlt sich zufrieden. … Der Körper und die Sinne sind dann offen und empfänglich für Eindrücke von aussen. (Tanja Grandits in der Tageswoche, 14.9.2016, Andrea Fopp, Basel)

Barfuss durch den Schnee laufen, dampfend heisses Wasser, feines Essen, der Duft von Holz und der Klang eines Zündholzes das angezündet wird. Tasten, sehen, schmecken, riechen und hören – Die Welt mit allen Sinnen wahrnehmen und geniessen können ist macht Freude und ist gesund. Genussfähigkeit ist auch eine wichtige Basis für gelingende Sexualität. Den eigenen Körper spüren und Sinneseindrücke geniessen können ist keine Selbstverständlichkeit. Aber man kann es lernen. Gerade die orientalische Vielfalt aus dem Hohenlied bietet hier Hand zum Entdecken der eigenen Genussfähigkeit.

Ich habe zum Beispiel Marktstände und Boutiquen nach den Düften aus dem Hohelied abgeklappert. Meine Frau und ich haben Myrrhe geräuchert, Granatäpfel gegessen, Nardenöl ins Duftlämpchen gegeben und mit der Zimt-Massagebutter experimentiert. Für uns wars eine spannende und schöne Zeit, die Düfte aus dem Hohelied zu entdecken. Dabei gings uns aber nicht um den einzelnen Duft oder das finden eines Zaubermittels. Es ging ums ausprobieren, sich auf etwas einlassen, spüren, sich wohlfühlen und geniessen können.

Sexualwissenschaftler unterscheiden beim Reden über Sexualität zwischen dem Triebmodell und dem Ressourcenmodell. Beim Triebmodell wird Sexualität als impulshafte Kraft verstanden. Eine Gefahr, die gebändigt werden muss. Das Ressourcenmodell versteht Sexualität als ein Geschenk, das zwischenmenschliche Beziehungen verstärkt, belebt und vielfältig bereichert (1). Im Hohelied der Bibel entdecke ich das Ressourcenmodell. Sexualität wird beschrieben als eine gute Gabe, die vielfältig und bunt das Leben bereichert und vertieft. Das Hohelied beschreibt Sex nicht als Gefahr, sondern als Chance. Die beiden Verliebten im Hohenlied geniessen Glück und sinnliche Lebensfreude.

Das wär er nun, mein dritter Liebestipp (2) aus dem Hohelied: Lerne zu geniessen und lebe deine Sexualität als geschenkte Ressource. Lass dich von Gottes Schöpfungswunder inspirieren, spiele mit allen deinen Sinnen und freue dich an den unterschiedlichen Körperwahrnehmungen. Was Gott schenkt ist gut – geniesse es und danke dafür.

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(1) Unverschämt-schön, Sexualethik: evangelisch und Lebensnah, Dabrock, Augstein, Helfferich, Schardien, Sielert, Gütersloh, 2015, Seite 45.

(2) Liebestipp 1 war „Du bist mein Garten“ und Liebestipp 2 war „Kommunizieren“. Beide Tipps sind notwendige Voraussetzung des dritten Liebestipps „Genussfähigkeit“.

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