Ein trauriger Stadtspaziergang

Diesen Sonntag predige ich über Noah. Seine Lebensgeschichte ist in der Bibel aufgezeichnet. Sie beginnt mit einer Beschreibung der Gesellschaft in der er lebte.  Nachzulesen in 1. Mose 6.5: „Als aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar…“ 15012010379Aufgabe einer Predigt ist es, die Brücke vom Bibeltext zur aktuellen Situation der Zuhörer zu schlagen. Darum machte ich einen Stadtspaziergang. Ich durchstreifte Bern in der Absicht etwas Böses zu finden. Schon nach hundert Schritten wurde ich fündig. „Kill Blocher!“ ist die Botschaft einer Wandsprayerei. Man darf ja unterschiedliche politische Meinungen haben, aber deswegen gleich zum Mord an einem Politiker aufzurufen geht zu weit. Das ist pure Bosheit.

15012010357Kurz darauf stechen mir die Abfalleimer auf einem Kinderspielplatz ins Auge. Neben einem frisch gebauten Schneemann fällt mir das Kabel im Eimer auf, das den Deckel mit der Wand verbindet. Es ist ein bombensicherer Abfalleimer und das Kabel dient dazu, dass im Falle einer Bombenexplosion der Deckel nicht davonfliegt und jemanden verletzt. Was ist das für eine Welt, in der auf Kinderspielplätzen bombensichere Abfalleimer nötig sind?

Dann die Kirchenfeldbrücke: Ein hoher Wildzaun hindert Menschen daran, sich von dieser Brücke aus in den Tod zu stürzen! Weil die Zahl der Suizide an diesem Ort in den letzten Monaten dramatisch zugenommen hat, wurde diese Massnahme nötig. 15012010353Eigentlich ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die den Menschen, die den Lebensmut verlieren, nichts anderes als Zäune anzubieten hat.

Oder doch? Auf einer Plakatwand wird für eine Ferienmesse geworben. „Wir zeigen ihnen den Weg ins Paradies“ steht dort neben einem Bild von einem traumhaften Sandstrand. Wer wie ich noch den „Schutzzaun“ im Kopf hat, findet dieses Heilsversprechen hohl und leer. Ebenso wenig hilfreich – dafür witziger – das Angebot eines Coiffeursalons:15012010372

Dort steht auf Schweizerdeutsch: „Willst du erfolgreich, glücklich und fröhlich sein? Die tolle Frisur vom Coiffeur Vérène hilft dir dabei!“

Spazieren macht hungrig und ich kaufte mir an einer Theke in einem Supermarkt etwas zu essen. In dem Moment wurde ich Zeuge, wie eine Frau, offenbar die Chefin, eine halbleer getrunkene Getränkeflache zwischen zwei Geräten findet. „Wem gehört das!“ ruft sie energisch in die Runde. Eine Verkäuferin meldet sich zerknirscht. „Wo ist der Kassenzettel!“ fragt die Chefin barsch nach. „In der Garderobe…“ lautet die hilflose Ausrede. Offenbar hat sie das Getränk ohne zu bezahlen bezogen. Ich mag ihr das Getränk ja gönnen, aber die Unehrlichkeit und den offensichtlichen Diebstahl mag ich nicht.

Der unsaubere Umgang mit Geld und Besitz wird nicht nur im Kleinen, sondern auch im Grossen gepflegt. In fetten Lettern preist ein Plakat eines Verkäufers für Unterhaltungselektronik seine Aktion zum 15jährigen Jubiläum an. Die Aktion besteht nicht aus Rabatten, sondern einzig auf dem Angebot von 0% Zinsen auf Ratenzahlungen. Was für ein Angebot! Jetzt darf ich mich sogar noch gratis verschulden!

Am Ende meines Spazierganges erlebe ich Zensur. Als ich die teuerste Uhr im Schaufenster eine Juweliers fotografieren will, drückt mir eine nett lächelnde Verkäuferin die Kamera nach unten. Fotografieren ist verboten. Warum es nicht erlaubt sein soll, vom öffentlichen Grund aus ein Schaufenster zu fotografieren, kann sie mir nicht erklären. Dafür schenkt sie mir einen luxuriös gestalteten Katalog eines Uhrenherstellers mit Uhren, die bis zu 300’000.- CHF kosten. Diese Bilder dürfe ich verwenden. Nebenbei bemerkt hätte ich während meiner Tour mehrfach die Gelegenheit gehabt nackte Körper zu fotografieren. Offensichtlich lebe ich in einer Kultur, in der das Bild einer teuren Uhr besser geschützt wird als das einer nackten Frau.

Dieser kurze Spaziergang hat mich ins Grübeln gebracht. Klar habe ich bewusst nur auf das Negative fokussiert, es hätte sicher auch viel Schönes zu entdecken gegeben. Aber diese bewusste Sicht auf das Dunkel in dieser Welt hat auch mein Herz dunkel gemacht – es war ein trauriger Spaziergang.

Ein Kommentar zu “Ein trauriger Stadtspaziergang

  1. Es ist eine Welt voll schöner und trauriger Anblicke, wohl wahr. Doch Du scheinst Dir dieses weiches Herz behalten zu haben, das noch empfänglich und berührbar ist für den Schmerz der Welt. Nur mit so einem Herzen können wir etwas ändern, können wir für andere einstehen und können uns selbst reflektieren…
    Zuweilen macht so ein empfängliches Herz einem das Leben schwer und man spürt die Not der Welt im eigenen Herzen, aber genau solche Menschen braucht unser Gott, Und genau solche Menschen sind die Lichtbringer dieser Welt, weil sie eben nicht kalt und abgebrüht sind.

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